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Warum Gesundheitspolitik auch Industrie-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik ist
- Dr. Daniel Steiners, CEO, Roche Pharma Deutschland
- March 16, 2026 at 4:00 AM
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Über Jahre schien Deutschland auf einer selbstverständlichen Erfolgsspur zu fahren: Wachstum, Wohlstand, Exportweltmeistertitel. Doch dieses Gefüge bröckelt: Andere Länder holen auf; wichtige Teile unserer industriellen Basis wirken transformationsgefährdet und globale Abhängigkeiten werden zu strategischen Verwundbarkeiten. Kurz: Das deutsche Erfolgsmodell steht unter Druck.
Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte Europas zeigt jedoch, welches Potenzial gerade in solchen Momenten liegt – sofern strategisches Denken und mutiges Handeln zusammenfinden. Ein Beispiel, das ich ziemlich bemerkenswert finde, führt uns zurück ins Jahr 1900: Damals produzierten André Michelin und Édouard Michelin Reifen in einem überschaubaren Markt – zu einer Zeit, als das Automobil noch ein Nischenprodukt war. Sie hätten sich auf Produktverbesserungen beschränken können. Stattdessen dachten sie größer – nicht in Silos, sondern in Zusammenhängen.
Mit dem “Guide Michelin” schufen sie Orientierung und Anreize für “mehr” Mobilität: Werkstattverzeichnisse, Straßenkarten, Hotel- und Restaurantempfehlungen machten das Reisen planbarer und attraktiver. Aus einem Serviceheft für Autofahrer entstand schrittweise ein ganzes Ökosystem – und ein weltweit anerkanntes Referenzsystem für Qualität.
Wer in Zeiten des Wandels Zusammenhänge erkennt und bereit ist, sie strategisch zu formen, kann aus Unsicherheit neue und nachhaltige Stärke entwickeln.
Was ich an diesem Beispiel besonders finde: Die eigentliche Innovation lag nicht in dem Reifen selbst – und auch nicht in einer geschickten Marketingmaßnahme zur Absatzsteigerung, sondern in etwas grundlegend Anderem: Es ist das vernetzte Denken, das mich fasziniert – die Entscheidung, Mobilität als umfassenden Wertschöpfungsraum zu begreifen. Es war der Mut, Silos zu verlassen, Zusammenhänge strategisch zu erkennen, Wertschöpfung zu vertiefen und die Standards für einen neu entstehenden Markt selbst zu definieren.
Gerade darin liegt die übertragbare Lehre – auch für die Politik von heute: Wer in Zeiten des Wandels Zusammenhänge erkennt und bereit ist, sie strategisch zu formen, kann aus Unsicherheit neue und nachhaltige Stärke entwickeln.
Die industrielle Gesundheitswirtschaft (iGW) wird in der öffentlichen Diskussion noch zu oft rein sektoral betrachtet – unter dem Gesichtspunkt von Versorgung und Kosten. Strategisch ist die iGW jedoch längst ein industrielles Ökosystem aus Forschung, Entwicklung, Produktion, Digitalisierung, Exporten und hochqualifizierten Fachkräfte. So wie Michelin die “Mobilität” prägte, kann Deutschland Gesundheit als umfassenden Wertschöpfungsraum begreifen.
Industrielle Gesundheitswirtschaft – Kostentreiber oder Wachstumsmotor?
Ja, Arzneimittel kosten Geld. Im Jahr 2024 gab die gesetzliche Krankenversicherung rund 55 Milliarden Euro für Medikamente aus. Die Mehrausgaben spiegeln jedoch vor allem den medizinischen Fortschritt und eine bedarfsgerechte Versorgung in einer alternden Gesellschaft mit sich wandelnden Krankheitsbildern wider.
Von innovativen Therapien profitieren sowohl Patienten als auch das Gesundheitssystem: Sie können Lebensqualität und -erwartung verbessern, medizinische Leistungen vom Krankenhaus in die ambulante Versorgung oder ins häusliche Umfeld verlagern. Sie heben Effizienzen im Gesundheitssystem, senken Folgekosten und stärken zugleich die Erwerbstätigkeit. Mit einem Anteil von rund 12 Prozent an den Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung bleiben die Arzneimittelausgaben seit Jahren prozentual bemerkenswert stabil. Darin enthalten sind auch Generika – d. h. Arzneimittel, die nach Ablauf des Patentschutzes eines Originalpräparats in das “Welterbe der Pharmazie” eingehen und dauerhaft kostengünstig für die Versorgung zur Verfügung stehen. Auf innovative, patentgeschützte Medikamente entfällt ein Anteil von nur rund sieben Prozent an den Gesamtausgaben.
Kurz gesagt, die iGW ist nicht nur Teil unseres Gesundheitssystems. Sie ist eine Schlüsselindustrie, die wirtschaftliche Stärke, Wohlstand und die Finanzierung unserer sozialen Sicherungssysteme mitträgt.
Diesen Ausgaben steht ein Wirtschaftszweig gegenüber, in dem Deutschland weiterhin eine internationale Spitzenposition einnimmt. Mit rund 1,1 Millionen Beschäftigten und einer Wertschöpfung von über 190 Milliarden Euro zählt die iGW zu den größten Branchen der Volkswirtschaft. Ihre Hightech-Produkte „Made in Germany“ sind weltweit gefragt und leisten einen wesentlichen Beitrag zum deutschen Exportüberschuss. Kurz gesagt, die iGW ist nicht nur Teil unseres Gesundheitssystems. Sie ist eine Schlüsselindustrie, die wirtschaftliche Stärke, Wohlstand und die Finanzierung unserer sozialen Sicherungssysteme mitträgt. Ihr Saldo ist positiv.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie können wir die ungenutzten Potenziale freisetzen? Und: Welche Konsequenzen hätte es für Deutschland, wenn wir diese nicht erkennen und sich die Wirtschafts- und Innovationskraft zunehmend woanders verlagert?
Globale Dynamiken dulden kein Zögern
Regierungen rund um den Globus haben die strategische Bedeutung der iGW längst erkannt – für Versorgung, Wirtschaft und nationale Sicherheit.
China zeigt im Bereich der Biotechnologie eine beeindruckende Geschwindigkeit bei Skalierung und Umsetzung. Die Vereinigten Staaten wiederum demonstrieren, wie konsequent industriepolitisches Handeln aussehen kann. Dort werden Zulassungsbehörden modernisiert, Verfahren beschleunigt und bürokratische Hürden systematisch reduziert. Parallel wird die inländische Produktion strategisch gestärkt. Tempo und Marktgröße sind Magnet für Kapital – insbesondere in einer Branche, deren Forschung extrem kapitalintensiv ist und Planungssicherheit benötigt.
Treffen innovationsfreundliche Rahmenbedingungen und die ökonomische Anerkennung innovativer Leistung auf einen großen, zahlungsfähigen Markt, entstehen Verschiebungen im globalen Gefüge: Rund 50 Prozent des weltweiten Pharmamarktes entfallen heute auf die USA, etwa 23 Prozent auf Europa – und nur 4 bis 5 Prozent auf Deutschland. Diese Verteilung ist kein Zufall, sondern Ausdruck unterschiedlicher Standortbedingungen.
Ein faires Marktumfeld ohne künstliche Preisdeckel und Leitplanken ist der stärkste Magnet für privates Risikokapital, langfristige Investitionen und stabile Gesundheitsversorgung.
Zugleich wächst der politische Druck auf Staaten, die vom amerikanischen Innovationsmotor profitieren, ohne einen vergleichbar attraktiven Heimatmarkt zu bieten und den Wert von Innovationen adäquat anzuerkennen. Diskussionen über einen „Most Favored Nation“-Ansatz oder handelspolitische Instrumente zielen genau in diese Richtung. Sie treffen Europa und Deutschland unmittelbar.
Daraus folgt für uns eine klare Handlungsnotwendigkeit:
- Wer Investitionen anziehen will, muss die eigene Wettbewerbsfähigkeit stärken.
- Wer Versorgung sicherstellen will, muss neue Therapien angemessen honorieren. Andernfalls werden diese globalen Dynamiken nicht ohne Folgen für Wirtschaft und Versorgung hierzulande sein. Bereits heute ist rund jedes vierte zwischen 2014 und 2023 in den USA eingeführte neue Arzneimittel in Europa nicht verfügbar; bei Gen- und Zelltherapien ist die Lücke noch größer.
Das Primat der Industriepolitik: Vom Konsens zur Konsequenz – und zwar jetzt
Potential und Substanz sind in Deutschland kein knappes Gut. Wir haben: Eine (noch) starke industrielle Basis, Erfindergeist, starke universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen und eine Privatwirtschaft, die investieren will. Politische Initiativen wie Koalitionsvertrag, Hightech-Agenda oder eine künftige Pharma- und Medizintechnikstrategie setzen wichtige Impulse, die ich sehr begrüße. Doch aus Programmen muss jetzt ein stringenter Aktionsplan für Wachstum werden:
- Wir brauchen innovationsfreundliche und stabile Rahmenbedingungen, die Gesundheitsversorgung, Wirtschaft und nationale Sicherheit zusammen denken – wie oben dargelegt: als strategisches Ökosystem. Nicht in Silos.
- Der Wert medizinischer Innovationen muss auch hierzulande anerkannt werden. Ein faires Marktumfeld ohne künstliche Preisdeckel und Leitplanken ist der stärkste Magnet für privates Risikokapital, langfristige Investitionen und stabile Gesundheitsversorgung.
- Zügige Genehmigungsprozesse, konsequente Digitalisierung und radikaler Bürokratieabbau sind entscheidend, damit Geschwindigkeit wieder zum Wettbewerbsvorteil und zum Treiber von Innovation wird.
Deutschland kann sich neu erfinden – davon bin ich überzeugt: Mit Mut, Gestaltungskraft und einer ambitionierten Innovationsoffensive.
Jetzt liegt es in unserer Hand, die richtigen Weichen zu stellen und die Potentiale zu entfesseln.
Originally published at Politico Europe